Die Mitleidsindustrie
“Hilfe ist ein ganz normales Geschäft”
Seit mehr als 20 Jahren berichtet die 50-Jährige Linda Polman aus Krisen- und Kriegsregionen. Sie hat unter anderem in Haiti, Somalia, Ruanda, Sierra Leone, Kongo und Afghanistan gearbeitet. 1999 begann die niederländische Journalistin, sich auf die Arbeit der internationalen Hilfsorganisationen zu konzentrieren; sie ist eine der wenigen Experten auf diesem Gebiet. In “Die Mitleidsindustrie”, ihrem vierten Buch, erschienen bei Campe, schildert sie anschaulich und präzise die Mechanismen der humanitären Hilfe, die, so ihre Kritik, allzu oft nicht die Empfänger erreicht. Der Grund: Korruption, strukturelle Fehler und Desinteresse der Politik.
Spendengelder erreichen nicht zu 100% die Betroffenen. Das ist bekannt und verständlich, denn die Anwerbung von Spendengeldern und deren Verwaltung müssen auch finanziert werden. Die wenigsten aber wissen, dass die Gelder, die in die betroffenen Ländern überwiesen werden, zu einem erheblichen Teil eben diejenigen “füttern”, die für die Not und das Leiden der Menschen verantwortlich sind. So sollen beispielsweise 30% jeder Spende in Afghanistan direkt an die Taliban gehen. In Äthiopien zerstört die Regierung die Landwirtschaft, um sich an den Hunderten von Millionen Dollar Nothilfegeldern zu bereichern. Wer in diesem Geschäft tätig ist, weiß darum. Doch bisher traute sich niemand, offen darüber zu reden. Jetzt hat es Linda Polman gewagt.
The Crisis Caravan. What’s Wrong with Humanitarian Aid?
Metropolitan Books, September 2010
A vast industry has grown up around humanitarian aid: a cavalcade of organizations—some 37,000—compete for a share of the $160 billion annual prize, with “fact-inflation” sometimes ramping up disaster coverage to draw in more funds. Insurgents and warring governments, meanwhile, have made aid a permanent feature of military strategy: refugee camps serve as base camps for genocidaires, and aid supplies are diverted to feed the troops. Even as humanitarian groups continue to assert the holy principle of impartiality, they have increasingly become participants in aid’s abuses.
In a narrative that is impassioned, gripping, and even darkly absurd, journalist Linda Polman takes us to war zones around the globe—from the NGO-dense operations in “Afghaniscam” to the floating clinics of Texas Mercy Ships proselytizing off the shores of West Africa—to show the often compromised results of aid workers’ best intentions. It is time, Polman argues, to impose ethical boundaries, to question whether doing something is always better than doing nothing, and to hold humanitarians responsible for the consequences of their deeds.




